Ab wann spricht man bei einer Abneigung gegen bzw. Angst vor Spritzen, Blut und medizinische Untersuchungen oder Zahnarztbehandlungen von einer spezifischen Blut-Spritzen-Verletzungsphobie?


Die wenigsten Menschen empfinden medizinische Behandlungen als angenehm. Eine psychophysiologische Stressreaktion auf Reize, die eine potenzielle Gefahr signalisieren (wie z.B. der Anblick von Blut, Spritzen oder Verletzungen), ist ein natürlicher und grundsätzlich nützlicher Mechanismus, der eine Warn- und Schutzfunktion hat. Erst wenn dieser „überempfindlich“ einsetzt, d.h. zu stark, zu häufig und/oder in nicht bedrohlichen Situationen auftritt und zu einer Beeinträchtigung des alltäglichen Lebens führt, spricht man von einer behandlungsbedürftigen spezifischen Phobie. Diese können Angst vor Spritzen, Blut und medizinischen Untersuchungen sein. Dabei ist den Betroffenen bewusst, dass ihre Ängste und Reaktionen unverhältnismäßig sind, sie können sie jedoch nicht kontrollieren. Die angstbesetzten Situationen sind meist klar umschrieben (z.B. Blutabnahmen, Impfungen), es kann im Verlauf aber auch zu einer Ausweitung (Generalisierung) auf ähnliche Situationen kommen, manchmal reicht schon die Vorstellung oder ein Teilaspekt (z.B. Geruch von Desinfektionsmittel, Geräusch des Bohrers beim Zahnarzt) aus, um eine Angstreaktion auszulösen.

Wie häufig sind Blut-Spritzen-Verletzungsphobien?


In epidemiologischen Studien zeigt sich im Durchschnitt eine Punktprävalenz von 2-3% an Menschen, die Angst vor Spritzen, Blut und medizinischen Untersuchungen haben. Das bedeutet, zu einem beliebigen Zeitpunkt leiden zwei bis drei von 100 Personen an dieser Störung. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer, die Unterschiede fallen jedoch geringer aus als bei anderen spezifischen Phobien. Das Risiko im Laufe des Lebens an einer BSV-Phobie zu erkranken, liegt bei ca. 3%. Die Wahrscheinlichkeit für weitere psychische Erkrankungen (Komorbidität) ist erhöht.

Die Störung tritt sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen auf. Sie beginnt in der Regel früh; es gibt Hinweise darauf, dass sich einzelne Symptome über die Zeit abschwächen.

Welche Symptome kennzeichnen eine Blut-Spritzen-Verletzungsphobie?


Angst hat außer der emotionalen Komponente (dem Angstgefühl) immer auch gedankliche (kognitive), körperliche (physiologische) und Verhaltensaspekte – auf all diesen Ebenen sind Veränderungen beobachtbar. So können ausgeprägte Befürchtungen im Vorfeld (sog. Erwartungsangst) auftreten, es ist eine Steigerung bis zur Panik möglich (z.B. durch Hyperventilation (= schnelles, tiefes Einatmen), welche den Prozess noch verstärken kann), meist spielen ausgeklügelte Vermeidungstaktiken eine große Rolle. Betrachtet man die körperlichen Begleitsymptome, können zwei Subtypen unterschieden werden: eine übermäßige Aktivierung des sympathischen Nervensystems, welches normalerweise dafür verantwortlich ist, in Gefahrensituationen Energiereserven (für Kampf oder Flucht) zu mobilisieren und uns handlungsfähig zu machen, zeigt sich z.B. in vermehrter Muskelspannung, Herzklopfen und Schwitzen. In ca. 75% der Fälle besteht hingegen eine Ohnmachtsneigung mit Blutdruckabfall (vasovagale Synkope) und Verlust des Bewusstseins (Erstarren), womit neben einem erhöhten Verletzungsrisiko oft auch Unverständnis des Umfelds (Angehörige, medizinisches Personal) und ein starkes Peinlichkeitsempfinden einhergehen. Aufgrund des unangenehmen Erlebens werden medizinisch notwendige (Vorsorge-)Untersuchungen und Behandlungen hinausgezögert oder gar nicht mehr wahrgenommen, was wiederum die Wahrscheinlichkeit für gesundheitliche Probleme und Komplikationen erhöht.

Was sind die Ursachen für die Entwicklung einer Blut-Spritzen-Verletzungsphobie?


Betroffene berichten häufig von (einzelnen) kritischen Auslösern/ungünstigen Erfahrungen im Kontext medizinischer Behandlungen. Durch die Vermeidung sind keine neuen positiven Erfahrungen und somit kein „Verlernen“ der Angstreaktion möglich. Als Risikofaktoren gelten eine erhöhte Ekelempfindlichkeit sowie eine geringe Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit Krankheit und anderen negativ assoziierten Themen. In der Familienanamnese finden sich überzufällig eine stark ausgeprägte vasovagale Reaktion (Ohnmachtsneigung) und orthostatische Intoleranz (Herz-Kreislaufbeschwerden bei aufrechter Haltung, also Stehen oder Sitzen). Dies ist als Varianz der evolutionär entwickelten Selbstschutzmechanismen des Körpers (Regulation des Blutverlusts bei tatsächlichen Verletzungen) zu verstehen.

Wie sieht die psychotherapeutische und verhaltenstherapeutische Behandlung aus?


Zuerst müssen körperliche Ursachen für die Beschwerden (z.B. durch EKG) differentialdiagnostisch ausgeschlossen werden. Dies erfolgt meist bereits im Vorfeld durch Haus-/Fachärzt:innen.

Verhaltenstherapie ist in der Behandlung spezifischer Phobien hoch wirkungsvoll. Wir informieren unsere Patient:innen über die typischen Abläufe und deren Funktionen in Angstsituationen. Durch die genaue Exploration der Problementwicklung, der Befürchtungen (z.B. Schmerzen, Kontrollverlust, Peinlichkeit) und die Auswertung von Selbstbeobachtungsprotokollen kann ein individuelles Störungsmodell entwickelt werden. Wir vermitteln Strategien, um Frühwarnsignale und eigenes, die Problematik aufrechterhaltendes Verhalten erkennen und gegensteuern zu können. Für eine erfolgreiche Bewältigung der angstbesetzten Situationen ist es notwendig, sich diesen mit Unterstützung des:der Therapeuten:in zu stellen und die Vermeidung nach und nach aufzugeben. Hierzu arbeiten wir mit gestufter Exposition in sensu/in vivo, also der schrittweisen Konfrontation in der Vorstellung und/oder Realität. Je nach Subtyp der körperlichen Reaktion erfolgt die Kombination mit angewandter Anspannung (nach Öst), welche der Regulierung des plötzlichen Blutdruckabfalls dient oder mit Entspannungstechniken (z.B. Atemübungen). Weitere Therapiebestandteile können die Veränderung bisheriger Bewertungen/Überzeugungen, eine Verbesserung der Emotionsregulationsfähigkeiten (z.B. durch Aufmerksamkeitslenkung) und Steigerung der Selbstwirksamkeitserwartung sein.

Eine offene Kommunikation über die Störung und deren Symptome gegenüber medizinischem Personal kann bspw. im Rollenspiel trainiert werden. Falls notwendig und gewünscht, ist es möglich, behandelnde Ärzt:innen direkt einzubeziehen.

Impfung und Spritzenphobie


Im Zuge der Corona-Pandemie und der aktuellen Diskussion um eine mögliche Impfpflicht in Deutschland gewinnt die Problematik für Betroffene an Brisanz. Sie denken unter Umständen zum ersten Mal darüber nach, deswegen therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Vereinbaren Sie gern ein Gespräch mit einer:m unserer Therapeut:innen.