Was ist ADHS und wie verhält sich ein Kind mit ADHS?


ADHS ist eine häufig vorkommende psychische Störung im Kindes- und Jugendalters. In Studien sind etwa 4 % der Kinder- und Jugendlichen betroffen. Sie tritt häufiger bei Jungen auf als bei Mädchen und zeigt sich eher bei jüngeren Kindern (7-10 Jahre) als bei älteren Kindern und Jugendlichen. Die Abkürzung steht dabei für Aufmerksamkeitsdefizits- und Hyperaktivitätsstörung. Damit finden sich im Namen bereits zwei der Hauptsymptome: eine gestörte Aufmerksamkeit und Hyperaktivität. Das dritte Hauptsymptom ist eine erhöhte Impulsivität. Im Verhalten eines Kindes oder Jugendlichen kann sich dies folgendermaßen äußern:

Unaufmerksamkeit:


  • häufige Unaufmerksamkeit gegenüber Details, Sorgfaltsfehler
  • Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit bei Aufgaben oder Spielen aufrechtzuerhalten
  • Wirken verträumt, hören Gesagtes scheinbar nicht
  • Können oft Erklärungen nicht folgen oder ihre Aufgaben nicht erfüllen
  • Schwierigkeiten, sich und seine Aufgaben zu organisieren, planloses Vorgehen
  • Häufiges Vermeiden von Hausaufgaben oder anderen Aktivitäten, die Durchhaltevermögen fordern; „verkürzte“ und vorschnelle Lösungen
  • Vergesslichkeit im Alltag und häufiges Verlieren wichtiger Gegenstände
  • Starke Ablenkbarkeit von äußeren Reizen (z.B. vor dem Fenster während der Schularbeiten)

Hyperaktivität:


  • Unruhige Bewegungen mit den Händen oder Füßen, „sich auf dem Stuhl winden“
  • Schwierigkeiten, still zu sitzen; Aufstehen im Unterricht oder in anderen Situationen, in denen sitzen bleiben erwartet wird
  • Häufiges, exzessives Klettern in Situationen, in denen es unpassend ist
  • Oftmals sehr lautes Sprechen und Spielen mit der Schwierigkeit, sich leise zu beschäftigen
  • Exzessive motorische Aktivität, die schwer von außen beeinflusst werden kann

Impulsivität:


  • Häufiges Herausplatzen mit Antworten, vor dem Ende einer Frage
  • Schwierigkeiten, abzuwarten, bis sie an die Reihe kommen
  • Häufiges Unterbrechen anderer (bei Gesprächen oder beim Spielen)
  • Reden häufig ohne Unterlass
  • Zeigen sehr spontane und unkontrollierte Reaktionen.

Hat ein Kind automatisch ADHS, wenn es etwas ablenkbarer oder unruhiger ist als andere?


Nein, automatisch trifft dies nicht zu. Das Verhalten der betroffenen Kinder und Jugendlichen weicht über einen längeren Zeitraum (mindestens 6 Monate) deutlich „von der Norm“ ab und löst damit bei den Kindern und Jugendlichen selbst sowie bei Bezugspersonen einen hohen Leidensdruck aus. Die Betroffenen fallen sehr häufig negativ auf, werden oft getadelt und bekommen schlechte Noten oder negative Rückmeldungen von Gleichaltrigen. Häufig wird ihr Verhalten als „ungezogen“, „rücksichtlos“ oder „nicht-wollen“ fehlinterpretiert. Dies kann den Selbstwert des Kindes negativ beeinflussen, da es sich als „fehlerhaft“ erlebt. Die Betroffenen schätzen die eigene Leistungsfähigkeit als gering ein und vermeiden häufig Hausaufgaben oder ähnliche, für sie äußerst anstrengende Situationen. Teilweise versuche die Kinder, die Defizite mit anderen Verhaltensmustern zu kompensieren, z.B. sehr offensives bis aggressives Verhalten, Großspurigkeit oder Angeberei. Es sind häufig Stimmungsschwankungen, eine niedrige Frustrationstoleranz, Wutausbrüche und das Gefühl, ständig benachteiligt zu sein, zu beobachten. Die Bezugspersonen sind deshalb im Umgang mit den Betroffenen oft angestrengt und müssen sehr viel Geduld aufbringen, nicht selten kommt es zu Konflikten. Eltern berichten häufig von allgemeinen Erziehungsschwierigkeiten und wenigen positiven Interaktionen, LehrerInnen oder ErzieherInnen beklagen unter anderem, dass sie diese Kinder deutlicher schwerer für eine Aufgabe interessieren oder sie zum Durchhalten motivieren können.

Wie wird ADHS festgestellt?


Die Diagnostik erfolgt im Rahmen einer Vorstellung in psychotherapeutischen oder Arztpraxen. Unsere PsychotherapeutInnen werden mit Ihnen im Gespräch die aktuellen Schwierigkeiten, die Entwicklungsgeschichte und auch Ausnahmen sowie Ressourcen besprechen. Über Fragebögen können die Auffälligkeiten mit „Normwerten“ verglichen werden. Es stehen auch psychologische Tests zur Messung verschiedener Facetten der Aufmerksamkeit zur Verfügung. Es wird empfohlen, dass mehrere Informationsquellen genutzt werden, also z. B. auch Auskünfte von LehrerInnen und ErzieherInnen einbezogen werden. Eine körperliche Untersuchung ist ebenfalls erforderlich, um andere Erkrankungen auszuschließen. Um eine Diagnose stellen zu können, müssen die Auffälligkeiten bereits vor dem 7. Lebensjahr bestanden haben. Meist wird dabei der Schuleintritt abgewartet, um das Verhalten der Kinder im Schulkontext einschätzen zu können. Die Schwierigkeiten dürfen jedoch nicht nur in einem Bereich (z.B. Schule) auftreten, sondern zeigen sich als überdauerndes Muster in mehreren Kontexten (z.B. Freizeitaktivitäten, Schule, Familie).

Wie wird ADHS behandelt?


Eine Behandlung setzt sich optimalerweise aus mehreren Bausteinen zusammen, die individuell abgestimmt werden, und erfolgt in der Regel ambulant. Dazu gehören Beratung, Trainings für Eltern, LehrerInnen oder ErzieherInnen, Psychotherapie und eine medikamentöse Behandlung. Unsere PsychotherapeutInnen arbeiten mit den Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie mit den Kindern und ihren Eltern. Im Rahmen der Psychoedukation erklären sie die Krankheit und geben Informationen zur Entstehung sowie zum Verlauf. Über eine medikamentöse Behandlung können sie ebenfalls informieren, die Indikationsstellung und Verschreibung erfolgt jedoch durch Kinder- und Jugend-PsychiaterInnen. Unsere PsychotherapeutInnen werden mit den Kindern und Eltern systematisch problematische Verhaltensweisen analysieren und alternative Strategien erarbeiten. So wird zum Beispiel mit konkret ausformulierten Plänen gearbeitet, nach denen die Kinder für positives Verhalten belohnt werden. Mit den Kindern werden verschiedene Fertigkeiten trainiert, z.B. Problemlösung, Selbstorganisation, soziale Kompetenz oder Emotionsregulation. Dazu lernen sie beispielsweise im Rahmen des Selbstmanagements sich Aufgaben in kleinere Schritte aufzuteilen, die sie bewältigen können oder sich durch Selbstinstruktionen ein planvolleres Herangehen anzueignen.

weitere Informationen