Was ist eigentlich Stress?


Stress ist eine sinnvolle Reaktion des Körpers auf einen bedrohlichen Umweltreiz und läuft bei Kindern und Jugendlichen genauso ab wie bei Erwachsenen. Diese Reaktion hat sich evolutionsbiologisch bereits sehr früh entwickelt und das Überleben des Menschen gesichert. Um gegen eine Bedrohung wie ein gefährliches Tier kämpfen oder vor ihm flüchten zu können, muss der Körper nämlich sehr schnell Energie bereitstellen. Dazu werden Stresshormone ausgeschüttet, die den Körper in Alarmbereitschaft versetzen. In Sekundenschnelle werden dann die Bronchien zum Luftholen und die Pupillen zum Sehen geweitet, die Muskeln angespannt, Puls und Blutdruck für eine bessere Durchblutung erhöht, die Verdauung pausiert und die Atemfrequenz gesteigert. Stress zu erleben, ist also nicht per se schlecht. Auch wenn sich die „Bedrohungen“ für Kinder und Jugendliche im heutigen Leben verändert haben, profitieren sie sehr häufig von der Stressreaktion. Sie schärft die Sinne, erhöht die Konzentration und macht sie leistungsfähiger, zum Beispiel bei einer Klassenarbeit. Es hat sich in Studien gezeigt, dass eine „mittlere Anspannung“ meist zum besten Ergebnis führt. Die Stressreaktion gehört demnach zum Leben dazu und hilft dabei, Herausforderungen zu meistern.

Was löst Stress bei Kindern und Jugendlichen aus und ab wann ist Stress ungesund?


Im schulischen, familiären und Freizeitbereich werden oft sehr hohe Anforderungen an Kinder und Jugendliche gestellt. Bei Stress ist es dann wie bei vielen Medikamenten: „Die Dosis macht das Gift“. Stress hat negative Folgen, wenn er lange andauert und damit sozusagen „überdosiert“ wird. Als „alltäglicher Stress“ werden Situationen bezeichnet, die immer wieder Stress erzeugen und zu einer dauerhaften Belastung werden. Viele Kinder und Jugendliche erleben beispielsweise Leistungsdruck bereits in der Grundschule und Studien zeigen, dass die Beanspruchung in den höheren Klassenstufen weiter steigt. Mädchen sind häufig stärker belastet als Jungen. Außerdem lässt sich ein Zusammenhang zwischen dem Stresserleben und psychischen sowie körperlichen Beschwerden feststellen. Studien zeigen, dass jedes fünfte Kind zwischen 7 und 13 Jahren an emotionalen Problemen leidet. Bei den 14- bis 17-Jährigen sind es etwa 15 Prozent. Sie machen sich häufiger Sorgen, haben Ängste und wenig Selbstvertrauen. Sätze wie „Ich kann das nicht“, „Das wird mir alles zu viel“ oder „Ich schaffe das nicht“ sind dann häufig zu hören. Vor allem während der Corona-Pandemie sind Kinder und Jugendliche zusätzlich besonderem Stress ausgesetzt. Innerfamiliär können wiederkehrende Belastungen beispielsweise im Rahmen von Geschwisterrivalität mit andauernden Streitigkeiten auftreten, die schwer vermieden werden können. Eine weitere, äußert belastende Situation ist das Mobbing in der Schule, dem die betroffenen Kinder und Jugendlichen häufig auch über lange Zeit ausgesetzt sind. Ein erhöhtes Stresserleben bringen auch kritische Lebensereignisse (z. B. Scheidung der Eltern, Wohnortwechsel) mit sich, die zu großen Veränderungen führen und eine Neuanpassung erfordern. Weiterhin lösen auch entwicklungsbedingte Probleme (z. B. der Schuleintritt, Übergang in weiterführende Schule, Pubertät) vermehrten Stress aus. Typisch ist hierbei, dass alle Kinder und Jugendlichen von diesen Entwicklungsaufgaben betroffen sind und währenddessen mit einer erhöhten Stressanfälligkeit zu rechnen ist. Was Kinder und Jugendliche wirklich an Belastung wahrnehmen, erschließt sich den Erwachsenen jedoch nicht immer. Manche Situationen mögen Erwachsenen als „Lappalie“ erscheinen, sind aber für ein Kind sehr belastend (z.B. Streit unter Freunden) und sollten deshalb ernst genommen werden.

Welche Auswirkungen hat Stress bei Kindern und Jugendlichen?


Ein hohes Stresserleben kann zu emotionalen Problemen beitragen. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen berichten häufig über Unwohlsein, wirken nervös oder sind ängstlich. Manche sind wütend, reizbarer als sonst und reagieren aggressiv. Andere ziehen sich zurück, wirken teilnahmslos oder erschöpft. Auf der körperlichen Ebene hat die dauerhafte Anspannung ebenfalls Folgen. Viele Kinder und Jugendlichen haben häufig Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen. Chronischer Stress kann auch zu Verdauungsproblemen, Appetitlosigkeit oder Übelkeit sowie Schlafstörungen mit Albträumen führen. Die Folgen des Stresses können ihn in einer Art Teufelskreis noch verstärken: Wer sich aufgrund von Stress schlechter konzentrieren kann, wird bei der nächsten Klassenarbeit noch ängstlicher sein und dann möglicherweise eine Denkblockade erleiden. Damit steigt der Stress wiederum an. In Bezug auf soziale Beziehungen lassen sich ähnliche Effekte beobachten: Wer sich gestresst und wenig unterstützt fühlt, zieht sich zurück. Dadurch steigt das Gefühl der Einsamkeit und Beziehungen verändern sich zum Negativen. Dies wiederum erhöht den Stress. Auch stressbedingt aggressives Verhalten führt meist zu Ablehnung und einer Beeinträchtigung der sozialen Beziehungen.

Wie kann Stress bei Kindern und Jugendlichen mit Hilfe von Psychotherapie bewältigt werden?


Es ist nicht möglich und nicht förderlich, Kinder und Jugendliche vor sämtlichen, stressauslösenden Situationen zu bewahren. Es ist wichtig, Erfahrungen im Umgang mit Stress zu machen und Bewältigungsmöglichkeiten zu erlernen. Unsere PsychotherapeutInnen arbeiten nach der Methode der Verhaltenstherapie, die verschiedene Ansatzpunkte zur Erhöhung der Stressbewältigungskompetenz bei Kindern und Jugendlichen bietet. Dazu gehört die achtsamere Wahrnehmung von Anspannung und Stress, eine angemessene Bewertung von Stresssituationen und Strategien zum Umgang mit Stressoren. Es können sowohl problemorientierte Strategien (z. B. Wie löse ich das Problem, wie finde ich einen Kompromiss?), als auch emotionsregulierende Strategien (z. B. Was entspannt mich?) eingesetzt werden. Mit sogenannten kognitiven Methoden werden beispielsweise Anti-Stress-Gedanken im Rahmen positiver Selbstinstruktionen trainiert, um mit einem positiven Grundgefühl an die Situationen heranzugehen („Ich bin gut drauf, das kann gelingen“) oder sich währenddessen zu ermutigen („Ich schaffe das schon“). Da es leichter fällt, positiv zu denken, wenn man positiv gestimmt ist, werden unsere PsychotherapeutInnen mit den Kindern und Jugendlichen an ihrem Selbstvertrauen arbeiten. Ein zweiter Ansatzpunkt ist die Analyse der Situation, in der sich ein Kind bzw. Jugendlicher befindet, um Möglichkeiten für Veränderungen zu finden. So können günstige Bedingungen in der Schule (z. B. kein Lärm, ruhige Arbeitsatmosphäre), in der Familie (z. B. Rückzugsorte, Gesprächsangebote) und in der Freizeit (z. B. Balance zwischen freier Zeit und vorgegebenen Terminen) dazu beitragen, das Stresserleben zu reduzieren. Dazu werden Bezugspersonen durch unsere Psychotherapeut:innen in die Behandlung mit einbezogen. Sie helfen den Bezugspersonen dabei, das Ausmaß der Anforderungen an das Kind zu regulieren, entsprechende Unterstützungsangebote zu machen und ihre Modellfunktion im Umgang mit Stress zu nutzen.