Was ist selbstverletzendes Verhalten?


Von selbstverletzendem Verhalten wird gesprochen, wenn Kinder und Jugendliche sich mit bewussten und freiwilligen Handlungen gegen den eigenen Körper schädigen. Hierzu zählen z.B. das Ritzen, Schneiden, Sich-verbrennen oder Schlagen gegen Gegenstände. Teilweise beginnen die Betroffenen sich zunächst oberflächliche Schnittverletzungen beizubringen und probieren es aus, weil sie es bei Gleichaltrigen oder in sozialen Medien gesehen haben. Bei wiederholtem selbstverletzendem Verhalten sollte dies jedoch als Zeichen einer krisenhaften Entwicklung ernst genommen werden. Nach den aktuellen diagnostischen Leitlinien handelt es sich dabei eher um ein Symptom als um eine eigenständige Erkrankung.

Wie häufig tritt selbstverletzendes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen auf?


Bereits im Grundschulalter kann es zu selbstverletzendem Verhalten kommen. Ab dem Jugendalter (ca. 12 Jahre) nehmen die Zahlen der Betroffenen deutlich zu, wobei dies öfter auf Mädchen zutrifft als auf Jungen. Kinder und vor allem Jugendliche mit psychischen Problemen haben ein höheres Risiko diese Verhaltensweisen zu entwickeln. Häufig tritt selbstverletzendes Verhalten gemeinsam mit einer psychischen Erkrankung wie einer Essstörung, Depression, Störung des Sozialverhaltens oder einer Borderline-Störung auf. In Form von stereotypen Selbstverletzungen, die ritualisiert und ohne erkennbaren Grund auftreten, wie zum Beispiel rhythmisches Schlagen des Kopfes gegen eine Wand, findet sich selbstverletzendes Verhalten häufig bei Kindern mit bestimmten Formen des Autismus, bei Intelligenzminderung oder organischen Erkrankungen wie dem Rett-Syndrom.

Warum verletzen sich Kinder und Jugendliche selbst?


Selbstverletzendes Verhalten kann unterschiedliche Funktionen haben. In vielen Fällen bestehen ausgeprägte Schwierigkeiten, negative Gefühle wie Frust, Wut oder Scham zu bewältigen und dabei entstehen Ohnmachtsgefühle und eine starke Anspannung. Einige Betroffene berichten, dass sie diese als unerträglich empfundenen Spannungszustände mit selbstverletzendem Verhalten regulieren oder einen inneren Schmerz „nach außen verlagern“ können. Andere wiederum können sich dadurch „wieder spüren“ und dissoziative Zustände, bei denen sie sich wie abgetrennt vom eigenen Körper erleben, wieder beenden. Bei selbstverletzendem Verhalten spielen auch die Signale an die Umwelt eine Rolle. Es kann sich dabei um eine Demonstration der eigenen Verzweiflung handeln oder der Wunsch nach Zuwendung und Aufmerksamkeit ausgedrückt werden.

Wodurch wird selbstverletzendes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen ausgelöst?


Selbstverletzendes Verhalten hat nicht immer einen konkreten Auslöser. Betroffene berichten jedoch, dass sie sich häufiger im Zusammenhang mit zwischenmenschlichen oder seelischen Konflikten selbst verletzen und diese Situationen nicht auf andere Weise bewältigen können. Dabei kann die subjektive Bewertung und Bedeutung eines Ereignisses deutlich größer sein, als Außenstehende es vermuten würden. Weitere häufig genannte Auslöser sind unter anderem Schulprobleme, Trennungssituationen, Selbstwertprobleme, Verlusterfahrungen und dysfunktionale Gedanken wie „Ich schaffe das nie“ oder „Niemand mag mich“.

Worauf sollten Eltern achten?


Wenn Eltern bei ihren Kindern häufiger nicht erklärbare Schrammen, Narben, Schnitte oder Verbrennungen auffallen, sollten sie diese behutsam mit ihren Kindern thematisieren. Betroffene tragen häufig weite oder dem Wetter nicht entsprechende (z.B. langärmeliger Pullover im Sommer) Kleidung, um die Verletzungen zu verstecken. Der Besitz scharfer Gegenstände (z.B. Rasierklingen) sowie anderweitig auftretendes Risikoverhalten (z.B. auf Dächer klettern, ungeschützter Geschlechtsverkehr) deuten auf ein höheres Risiko für selbstverletzendes Verhalten hin. Bei Betroffenen finden sich häufig auch vermehrt Zeichnungen, Texte oder Mediennutzung zu diesem Thema.

Mein Kind verletzt sich selbst – ist es suizidgefährdet?


Die Mehrheit der Betroffenen von selbstverletzendem Verhalten ist nicht suizidgefährdet und das Verhalten wird nicht mit suizidaler Absicht ausgeführt. Es steigt aber mit zunehmender Häufigkeit selbstverletzenden Verhaltens das Suizidrisiko, weshalb es sich um einen ernstzunehmenden Risikofaktor handelt. Wir empfehlen, die Frage nach einer bestehenden Suizidalität immer kinder- und jugendpsychiatrisch oder kinder- und jugendtherapeutisch abklären zu lassen.

Wie kann man selbstverletzendes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen behandeln?


Bei der Behandlung von selbstverletzendem Verhalten werden verschiedene Therapieverfahren, beispielsweise die hier angebotene Verhaltenstherapie eingesetzt. Ein Spezialverfahren ist dabei die Dialektisch-Behaviorale Therapie für Adoleszente (DBT-A). Selbstverletzendes Verhalten ist meist ein Thema, dass bei vielen Betroffenen Scham oder Schuldgefühle auslöst. Bei der Behandlung legen unsere PsychotherapeutInnen deshalb zunächst großen Wert auf die Gestaltung einer positiven therapeutischen Arbeitsbeziehung und eine Stabilisierung der jungen PatientInnen. Dabei werden auch das familiäre oder soziale Umfeld einbezogen. Es werden die individuellen Entstehungsbedingungen und Auslöser für selbstverletzendes Verhalten erarbeitet und langfristig eine Verbesserung der Fähigkeit zur Regulation von Emotionen und zwischenmenschlicher Konflikte angestrebt.

Quellen:


Sendera & Sendera (2011). Kinder und Jugendliche im Gefühlschaos: Grundlagen und praktische Anleitungen für den Umgang mit psychischen Auffälligkeiten und Erkrankungen. Springer Verlag: Wien. (Kapitel zu Selbstverletzendem Verhalten)

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